Berlin für junge Leute
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Berlin für Junge Leute
neue Ausgabe

Montags fährt keine Fähre

(Auszüge aus Berlin für junge Leute)



Da Berlin die wald- und wasserreichste Kapitale Europas ist, bietet es eine einfache und preiswerte Möglichkeit, der Stadt zu entfliehen, ohne die Stadt zu verlassen. Im öffentlichen Nahverkehr gibt es sechs Fähren. Das wissen auch viele Berliner nicht und: Ihr könnt sie mit dem ganz normalen U- oder S-Bahnfahrschein benutzen.

Die populärste der Fähren (F10) verkehrt zwischen Wannsee und Kladow, von der Anlegestelle Wannsee (S-Bhf. Wannsee) aus. Zu jeder vollen Stunde ist man nach wunderschönen 20 Minuten Überfahrt in der kleinen Marina von Alt-Kladow, wo sich zahlreiche Gaststätten ans Ufer drängeln. Willst du selbst mehr Eindrücke sammeln, spaziere die Havel entlang ins brandenburgische Sacrow mit der allerliebsten Sacrower Heilandskirche. Apropos Baden: der Bus 218 fährt die idyllische Strecke von der Pfaueninsel über den Bahnhof Wannsee, entlang der Havelchaussee bis zur Heerstraße. Besonders an der Haltestelle Havelchaussee kann man sich aus dem Bus gleich ins Wasser stürzen und anschließend den Tag in einer der zahlreichen Sandbuchten verbummeln. Nicht weit entfernt erhebt sich der Grunewaldturm über die Baumwipfel, mit grandioser Aussicht und Biergarten. Etwas makaber aber idyllisch gelegen ist ganz in der Nähe der „Selbstmörderfriedhof“ auf dem auch Nico von Velvet Underground ihre letzte Ruhe fand.

Am anderen Ende der Stadt, weit im Südosten, in Köpenick, gibt es gleich mehrere Fähren. Ein Kuriosum ist die F24, eine Ein-Mann-Ruderbootfähre. Ihr fahrt also nach Rahnsdorf / Kruggasse, holt euch in der Fischräucherei nebenan einen anständigen Durst, und lasst euch dann über den Styx rudern. Wenn ihr dann noch lebt und den Durst wieder löschen wollt, solltet ihr besser die F23 nach Neu-Helgoland nehmen. Hier gibt es zahlreiche Trinkstätten. Anschließend könnt ihr im Kleinen Müggelsee baden und am Südufer des Großen Müggelsees über die Ausflugsgaststätte Rübezahl nach Friedrichshagen laufen. Dann noch ein letztes Bier bei Schrörs, nachdem ihr durch den Spreetunnel gegangen seid, und jetzt seid ihr bettreif. Wer es einsamer liebt und nicht vom Durst getrieben ist, sollte vom Kleinen Müggelsee den Pfad zur paradiesischen Krummen Lake suchen.

Der letzte Vorschlag dieses kleinen Exkurses beginnt am S-Bahnhof Grünau und geht mit der von Stilllegung bedrohten Tram 68 weiter bis zur Haltestelle „Zum Seeblick“. Unterwegs gibt es wieder viele Möglichkeiten zu Baden (auch textilfrei) und die Countrylodge Richtershorn mit riesigen Beefsteaks und fantastischem Ausblick auf die Müggelberge. Die F21 setzt zur Krampenburg über. Dort findet ihr zunächst einen Campingplatz, der auf dem legendären Zeltplatz „Kuhle Wampe“ fußt. Wenn ihr den Weg entlang des Langen Sees nach Wendenschloss nehmt, stoßt ihr ungefähr auf halber Strecke auf die rührige Ausflugsgaststätte Schmetterlingshorst. Mit der F12 geht es vom Anlegepunkt Müggelbergallee zurück zum Ausgangspunkt. Wenn ihr die Müggelberge erklimmt, oder euch einfach in diesem göttlichen Forst verliert, denkt immer daran: „Montags fährt keine Fähre!“ (Der nächste Bus – X69 – ist aber auch nicht weit) Und im Winterhalbjahr auch nicht (außer am Wannsee, solange der See nicht komplett zugefroren ist) sonst geht es euch wie mir neulich: Ihr steht verloren irgendwo im Nirgendwo und das einzig Beruhigende ist: Hallo! Ihr seid doch in Berlin!

Auf vielfachen Wunsch wenden wir uns noch mal nach Wannsee. Vom S-Bahnhof Nikolassee führt der Wannseebadweg zum berühmten Strandbad Wannsee, das außer mit Badefreuden mit allerlei Events lockt und dieses Jahr im Sommer mit einer großen Seebühne zusätzlich aufgewertet wird. Dabei passiert ihr die Spinnerbrücke, den Bikertreff schlechthin, manchmal sieht man vor lauter Motorrädern die Straße nicht mehr. Ihr könnt aber auch auf der anderen Seite des S-Bahnhofs den Weg zum glasklaren Schlachtensee nehmen, ein bei den Berlinern äußerst beliebtes Badegewässer mit Ruderbootverleih und viel Schatten, an dessen anderem Ende die beliebte aber nicht billige Fischerhütte liegt. Oder ihr nehmt ab Wannseebadweg den oben erwähnten Bus 218 und fahrt zur Pfaueninsel. Diese bietet nach kurzem Übersetzen per Fähre (!) neben Pfauen, ein Schloss und nachhaltigen Erholungswert. Wenn ihr nicht übersetzt, nehmt den Weg der westlich am Ufer der Havel entlang führt. Ihr erreicht die markante Kirche St. Peter und Paul und das Blockhaus Nikolskoe, wo solide Stärkungen serviert werden. Etwas weiter liegt das his­torische Wirtshaus Moorlake mit gutem Kuchen. So oder so gekräftigt geht es durch den Schlosspark Glienicke zur Glienicker Brücke mit fantastischem Panoramablick. Jetzt liegt Potsdam vor euch – oder ihr nehmt den Bus 316 oder N16, falls es spät geworden ist, zum S-Bahnhof Wannsee.