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4. Kieze, Szenen
(Auszüge aus Berlin für junge Leute)
Warum eigentlich spricht man in Berlin von Kiezen? Und was ist ein Kiez überhaupt? Im engeren Sinn versteht der Berliner darunter nur die unmittelbare Nachbarschaft, die mit der lebensnotwendigen Struktur und einem sozialen Netzwerk versehen ist, so dass es eigentlich nicht nötig ist, den Kiez zu verlassen. Im Gegensatz dazu meint „Kiez“ in Hamburg nur die Gegend um die Reeperbahn in St. Pauli und hat hier die Bedeutung von Rotlichtmilieu, bzw. Amüsement. Wir haben den Begriff im Folgenden etwas weiter gefasst, um euch die Orientierung zu erleichtern.
Berlin ist in zehn Großbezirke unterteilt. Einige Teile waren vor der Gründung Großberlins eigenständige Städte, wie Charlottenburg, oder Dörfer, wie Schöneberg. Schon damals unterschieden sie sich in bürgerliche, arme, noble oder rote Bezirke. Als „Stadt in der Stadt“ haben viele ihren spezifischen, unverwechselbaren Charakter bis heute erhalten können, aber da das Leben in Berlin dynamisch ist, wandeln sich die Kieze und Bezirke im Laufe der Zeit genauso wie ihre Bewohner. Die lange Teilung der Stadt hat die Stadtteile auf beiden Seiten der Mauer verändert – dann hat die Wiedervereinigung den Kiezen nochmals eine andere Prägung verliehen. Nach den „Gründerjahren“, in denen neue Läden und Firmen wie Pilze aus dem Boden schossen und eingefleischte Berliner von Spandau über Kreuzberg nach Treptow zogen, ist das Tempo heutzutage etwas gemächlicher. Die rasant steigenden Mieten tun ihr übriges dazu. Der Berliner besinnt sich wieder auf sich selbst und sucht sein Glück im Kleinen, in der eigenen Umgebung, im eigenen Kiez, was er ja eigentlich schon immer getan hat. Der eigene Kiez ist wichtig für die Identitätsbildung des Berliners. Ein Ausflug in einen ganz anderen Teil der Stadt kann dann schon mal eine Luftveränderung, eine Art Urlaub sein. Im Herzen bleibt der Berliner seinem Kiez aber treu, auch wenn er z.B. der lieben Kinder wegen mal für ein paar Jahre wegziehen muss.
Andererseits fällt auf, dass in keiner anderen deutschen Großstadt so oft innerhalb der Stadt umgezogen wird wie in Berlin. Klar, wenn man Kinder hat braucht man mehr Platz und möchte in der Nähe einer Schule wohnen, in der es auch ein paar Kinder ohne Migrationshintergrund gibt. Wenn die Miete langsam in unerschwingliche Höhen steigt, muss man sich eben etwas billigeres suchen. Aber einige wechseln die Wohnung wie das Hemd, immer neue Kieze werden zum Trendbezirk ausgerufen und wenn dort erst mal die Mieten steigen… der Rest ist Schweigen. Es handelt sich aber keineswegs um die berüchtigten Mietnomaden sondern um eine höchst mobile Bevölkerungsschicht, unser Mitarbeiter A. z.B. zog aus Spaß an der Freud 18 mal in 10 Jahren um.
Besonders stark verändern sich die Kieze natürlich durch den Zuzug von außen. So weiß jeder, dass der südliche Prenzlauer Berg eine Schwabenhochburg ist, was zu nur teils humorigen Auseinandersetzungen mit den Alteingesessenen geführt hat. Der Reuterkiez im Norden Neuköllns zieht zur Zeit Künstler aus aller Welt an, wobei die US-Amerikaner besonders gut vertreten sind wenn sie nicht schon wieder auf dem Weg z.B. nach Schöneweide sind. Teile Charlottenburgs sind wie schon in den 20er Jahren fest in russischer Hand (damals nannten es viele Charlottengrad). Wohlhabende Russen wohl gemerkt, die die Edelboutiquen am Kudamm am Leben erhalten.
Eine Entdeckungsreise durch die Kieze zeigt euch Alltagskultur und Besonderheiten jenseits der Hochglanzbroschüren. Das besonders Gute an Berlin ist, dass es hier zwischen Nacht und Tag eigentlich gar keinen so großen Unterschied gibt. Nirgendwo in Deutschland sieht man tagsüber so viele Leute, die einfach nur die Zeit dahinfließen lassen, um sich selbst zu erleben. Im Rest der Republik wären das womöglich Tagträumer oder subversive Elemente, doch hier sind es zumindest Lebenskünstler. Nach der eigenen Definition. Jeder, der hier in Cafés dem Müßiggang zu huldigen scheint, wartet vielleicht auf den im dynamischen Fluss der Großstadt speziell für ihn oder sie passenden Anstoß. Denn nichts scheint dem meist aus anderen Bundesländern zugezogenen Berliner wichtiger, als sich selbst zu entdecken und zu feiern und dies sichtbar auszudrücken. Zudem sind viele Parties und Happenings öffentlich und es kostet wenig sich gründlich zu amüsieren, zumindest verglichen mit anderen kosmopolitischen Städten. In den noch verbliebenen Freiräumen und auf Brachen entstehen oft nur für kurze Zeit Clubs, die der breiten Öffentlichkeit unbekannt bleiben – es lohnt sich also, die Augen offen zu halten und sich in entsprechenden Netzwerken schlau zu machen. Dennoch ist auch die Kommerzialisierung der Ausgehkultur offensichtlich; in einer Nacht könnt ihr genauso viel Geld loswerden wie in London oder München.
Los geht es in Berlin in der Regel erst sehr spät. Wenn die einen bereits träumen, werfen die anderen einen letzten Blick in den Spiegel und Cafés und Kneipen füllen sich langsam. Eine Sperrstunde gibt es nicht. Aufgemacht wird teilweise erst um Mitternacht und dann ist open end geöffnet. Das Nachtleben ist schnelllebig. Die angesagten Clubs wechseln so häufig wie die Trends, selbst wenn es keinen Trend zu geben scheint. Natürlich gibt es auch Institutionen im Berliner Nachtleben, die nicht wegzudenken sind. Um auf dem Laufenden zu bleiben, braucht man vor allem Durchhaltevermögen beim Ausgehen und am besten gute Kontakte, die sich manchmal erstaunlich rasch ergeben, die nötige eigene Offenheit natürlich vorausgesetzt. Nach Hause kommt ihr in Berlin immer, auch nachts, da der öffentliche Nahverkehr ein gutes Nachtliniennetz hat.
Die folgenden markanten Kieze stellen wir vor: Im ehemaligen Westteil der Stadt Kreuzberg, Schöneberg und Charlottenburg-Wilmersdorf – im Ostteil Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain. Um das Spektrum zu erweitern, haben wir den Abschnitt „Kreuzkölln und der Rest der Welt“ dazu genommen, denn hier tut sich einiges.
Mitte entwickelte sich nach dem Fall der Mauer zum Motor des Nachtlebens. Hier begründeten Tresor und E-Werk Berlins Ruf der „World-Techno-Capital“. Inzwischen wandelte sich der Bezirk von einer Spaß- und Spielwiese für Pioniere nach und nach zum Vorzeigeobjekt des „Neuen Berlins“, aber der Entdecker ist hier noch immer aus- bis überlastet. Ähnliches gilt für den Prenzlauer Berg. Die Rolle als Szenemekka, die früher Kreuzberg, dann Mitte, dann Prenzlauer Berg innehatten, wird jetzt von Friedrichshain eingenommen, oder doch wieder von Mitte oder Kreuzberg? Kreuzberg mit seiner Mischung aus Kreativität, Ungezwungenheit und der Vorliebe für Trash bietet der ansässigen Szene bewährten Spielraum und lockt auch wieder Auswärtige in Scharen an. Rund ums Schlesische Tor bis hin nach Treptow mischt sich das junge Publikum aus aller Welt. In Schöneberg, etwas weiter westlich, wird es ein wenig schicker, aber immer noch bunt. In Charlottenburg schließlich pflegt man eher die gehobene Lebensart: Bars für den gepflegten Drink, nette Restaurants, teure Boutiquen. Hier finden sich dann auch gepflegte und perfekt sanierte Straßenzüge, die das hochherrschaftliche Flair der wilhelminischen Ära verströmen. Solche Bilderbuchareale findet ihr aber auch rund um den nach der Wende hübsch gemachten Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg oder am Chamissoplatz in Kreuzberg.
Die Problematik der aktuellen Integrationsdebatte ist in großen Teilen Kreuzbergs und Neuköllns unübersehbar, aber auch in Wedding oder Moabit. Ganze Quartiere sind von rein türkischer, bzw. muslimischer Lebenskultur bestimmt und auch der letzte deutsche Laden schließt. Die Notwendigkeit, die deutsche Sprache zu lernen und an der deutschen Kultur teilzuhaben leuchtet offensichtlich nicht jedem Zugewanderten ein... Das gleiche Problem findet sich auch in den Plattenbausiedlungen am östlichen Rand. Nicht nur Vietnamesen und Russlanddeutsche leben fast ausschließlich in ihren eigenen Netzwerken, auch die Deutschnationalen finden keinen Anschluss mehr über ihresgleichen hinaus. Doch in erster Linie ist Berlin eine weltoffene Stadt, in der jeder nach seiner eigenen Façon glücklich werden kann.
Und so gibt es keine einheitliche Szene in Berlin. Für jeden findet sich eine Nische, jeder Bezirk hat etwas zu bieten. Ob mit oder ohne konkretes Ziel, irgendwo zwischen Neukölln und Prenzlauer Berg oder zwischen Wilmersdorf und Lichtenberg wird jeder sein spezielles Berlin entdecken und sich prächtig amüsieren. Und zum Erholen gibt es ja noch Köpenick, Spandau und Zehlendorf und das uns umgebende Land Brandenburg.


