Herden
Studienreisen
Berlin GmbH
Feurigstr. 54
10827 Berlin
Tel. +49 - 30 - 28392351
Fax +49 - 30 - 28392360
E-Mail: info@herden.de
INHOUSE magazine
Berlin GmbH
Feurigstr. 54
10827 Berlin
Tel. +49 - 30 - 28392351
Fax +49 - 30 - 28392360
E-Mail: info@herden.de
INHOUSE magazine
Kreuzberg
(Auszüge aus Berlin für junge Leute)
Das kleine aus Funk und Fernsehen bekannte „gallische“ Dorf zu beiden Seiten des idyllischen Landwehrkanals ist durch dieses Gewässer in ein wildes „36“ und ein zahmes „61“ geteilt. Die Zahlen stammen von den früheren Postzustellbezirken und bezeichnen heute die zwei Kreuzbergs.
Nördlich des Landwehrkanals liegt Kreuzberg 36, das man aus überzeichneten Fernsehbildern kennt: Gewalt (1. Mai), Ausländer (Klein-Istanbul), Harz IV Desaster (Jobcenter-Schlangen). Tatsächlich aber hat sich hier ein Widerstandsgeist wie bei Asterix’ Galliern entwickelt und bis heute erhalten. Durchhaltevermögen zeigt man vor allem in den berühmten langen Kreuzberger Nächten, was dazu führt, dass Kreuzberg 36 wieder das Ausgehmekka der Stadt ist. Viele der Freiheiten die woanders in der Stadt kaum noch möglich sind werden hier ausgelebt, aber auch X-berg ist kein Biotop für Feierwütige. Auch die Anwohner haben das Recht auf ihren Schlaf und es ist traurig, dass es vermehrt zu Konflikten zwischen Touristen, Ansässigen und Polizei kommt.
Südlich des Landwehrkanals liegt der weitaus ruhigere und unbekanntere Teil: Kreuzberg 61. Der größte Teil hier ist vorbildlich renoviert und gepflegt. Der Berliner nennt das Prenzlauerbergisierung. Mehr dazu im entsprechenden Kapitel. Im Sommer herrscht auf der Bergmannstraße und in Teilen des Gräfe-Kiezes eine sehr lässige, fast mediterrane Stimmung. Begünstigt durch viel Grün und die Außenplätze der Cafés. Noch mehr Grün und manch lauschigen Platz findet ihr im gepflegten Viktoriapark mit Wasserfall und Panoramablick vom namensgebenden Kreuzberg aus.
Die Hauptstraße des Kiezes SO 36 ist die Oranienstraße. Tagsüber könnt ihr euch im Kreuzberg Museum einen sozio-kulturellen Überblick verschaffen und danach Shoppen gehen: Hippe Klamotten gibt’s im Depot Zwei, Core Tex Records oder Cherrybomb. Die vielen Import-Export-Läden bieten herrlichen Kitsch, das Dawn auserlesene Second-Hand Klamotten und das fantastic St. Pauli Fan-Artikel und originelle Kleinigkeiten. Dass Kreuzberg immer noch Entwicklungsgebiet für innovative Ideen ist, zeigen rund um den Moritzplatz, das Aufbau Haus, das Betahaus, die Denkerei und die Prinzessinnengärten. Die nächtliche Tour startet ihr am besten am U-Bahnhof Kottbusser Tor, wo ihr alle Kreuzbergklischees gebündelt findet. Der Weg zur Trinkhalle Möbel Olfe durch die verschachtelte 70er-Jahre-Bausünde Kreuzbergzentrum ist an sich schon eine Herausforderung. Besonders zu fortgeschrittener Stunde findet man im Labyrinth der verschiedenen Aufgänge, vis-a-vis der Hochbahn, Bars wie das West Germany oder den Monarch. Einfacher gestaltet sich die Suche nach dem Festsaal Kreuzberg oder dem schräg gegenüber liegenden Südblock. Launige Kneipen findet ihr in der Gegend um die Oranienstraße reichlich, z.B. Luzia, Bierhimmel, Franken, Cake Club, Bateau Ivre, um nur ein paar der Standards der Trinkkultur zu nennen. Und natürlich das unverwüstliche, gerade erst der Schließung entgangene, legendäre SO36, für Parties, Konzerte, Bingo, Nachtflohmarkt und vieles mehr... Der geräumige Oranienplatz, und der grüne und weitläufige Mariannenplatz laden zum Verweilen ein. Von hier sind es nur ein paar Meter zur Markthalle IX die mit einem kleinteiligen neuen Konzept überrascht. An den Wochenenden gibt es verschiedene Bazare (Öko-, Mode-, Kleinkunst…). Außerdem sind Weltrestaurant / Privatclub, Vögelchen (ex Hubertuslounge), sowie Lilis Pony Hütchen hier ansässig und allemal ein Grund in die Pücklerstraße zu gehen. Hunger kann auf keinen Fall zum Problem werden, denn die Gegend strotzt nur so von Möglichkeiten, sich durch fremde Kontinente zu essen. Besonders die Gegend um den Görlitzer Bahnhof bedient die unterschiedlichsten Geschmäcker, Kjosk, Morgenland und Kimchi Princess verdeutlichen dies auf engstem Raum. Achtung; je greller und heller es blinkt um so größer ist die Gefahr in eine Tourifalle zu geraten.
Wenn ihr hier am Görlitzer Bahnhof auf die Hochbahn trefft, schaut nach oben und bestaunt die größte Moschee im Kiez. Sie steht auf den „Ruinen“ eines profanen „Bolle-Supermarkts“, der am 1. Mai 1987 nach der inzwischen traditionellen 1.-Mai-Demonstration von autonomen Gruppen geplündert und abgefackelt worden ist. Die Zeiten ändern sich: Jetzt schmückt hier die hübsche Omar Ibn Al-Khattab Moschee den Kiez. Nur keine Schwellenangst, jeder ist willkommen. Weiter geht’s in die Verlängerung der Oranienstraße, die Wiener Straße. Bis zum Spreewaldplatz könnt ihr im Wiener Blut, Wild at Heart oder Madonna in etwas kernigerer Szene euer Bier trinken und dabei Fußball gucken, gegenüber im Morena einen trendigen Kurzen nehmen und anschließend durch den Görli (Görlitzer Park) gehen. In der Mitte trohnt in einem alten Bahngebäude das Edelweiss, kaum zu verfehlen, weil immer sehr lebendig.
Wenn ihr nicht im Park hängen bleibt, was sich im Sommer allerdings oft sehr lohnt, geht die Tour durch den schwer angesagten Wrangelkiez weiter zum Schlesischen Tor. Entlang der Parkmauer in der Görlitzer Straße kann man mediterran schlemmen, herausgehoben sei hierbei die Bar Raval (auch ohne Promifaktor).
Die Gegend um die schöne Oberbaumbrücke ist ein stadtweiter Ausgehschwerpunkt und euer Forscherdrang kann sich hier ungehemmt entfalten. Ohren und Beine kommen z.B. im Lido, L.U.X. , Magnet oder Watergate auf ihre Kosten, für den Magen wird an jeder zweiten Hausnummer gesorgt. Bagdad und Burgermeister sind dabei besondere Adressen. Eine rote Lampe lockt direkt an die Spree zum Restaurant Riogrande. Hier könnt ihr schon mal rüber nach Friedrichshain schauen. Mehr dazu im eigenen Kapitel. Weiter auf der von dauerndem Laden–Wechsel-Dich geprägten Schlesischen Straße bis zum Kanal hinunter. Vor der Grenze nach Treptow gibt es noch zwei Kleinode: Heinz Minki und Freischwimmer. Gegenüber der überbordende Club der Visionäre und dahinter das riesige Areal der Arena mit ihrem Sub- und Subsubclubs. Hauptanziehungspunkt ist sommers wie winters das Badeschiff, ausgelatscht durch Funk & Fernsehen. Aber dazu mehr im Kapitel „Kreuzkölln und der Rest der Welt“.
Entweder ihr geht von der Schlesischen Str. aus durch die quicklebendige Falckensteinstr. vorbei an der Eisdiele Aldemir, einer Institution im Kiez, und weiter durch den Görli und über die Forsterstr. an den Landwehrkanal. Oder ihr unternehmt einen längeren grünen Spaziergang ab der Arena am Kanal entlang, vorbei am Burg am See und längs des Paul-Lincke-Ufers, wobei ihr den populären Boule-Platz kreuzt. Auf der gegenüberliegenden Seite am Maybachufer finden außer dem berühmten Markt am Maybachufer („Türkenmarkt“) samstags nun der Textilmarkt Neuköllner Stoff statt und jeden 1. und 3. Sonntag der sehr entspannte Nowkoelln Flowmarkt.
So oder so, am Ende des Pauliufers kommt ein Terrassencafé nach dem anderen. Empfehlenswert sind das Café am Ufer und das Café Übersee. Gegenüber thront die Ankerklause. Wenn ihr den Kottbusser Damm überquert und an der hübschen, kleine Synagoge am Fraenkelufer entlang schlendert (Achtung Jogger) erreicht ihr die mittlerweile in keinem Reiseführer mehr fehlende, Outdoor Partylocation „Admiralbrücke“. Hier gilt das Prinzip des Anwohners Schlafbedürfnis zu respektieren besonders. Seit letztem Sommer verstärkte Polizeipräsenz. Gesittet beobachten kann man das Treiben vom Il Casolare, und Maroni aus oder auf dem van Loon dem heftigsten Rummel entgehen. Sich den Gräfekiez zu erschließen ist eine weitere Alternative. Also denn auf nach „61“, wo ihr euch mittlerweile befindet. Wenn ihr den Gräfekiez links liegen lasst und der Grimm- und Körtestraße folgt, erreicht ihr den Südstern. Am besten legt ihr eine Rast im Biergarten vom Brauhaus Südstern ein. Kreuzt danach vorsichtig den Platz und dann kommt ihr in die Bergmannstraße, die Hauptstraße von 61 mit der entstaubten und etwas hochpreisigeren Markthalle und geht bis zum Mehringdamm. Auf dem breiten Bürgersteig könnt ihr Trödel in Pappkisten durchstöbern, Postkarten im Ararat erstehen, dem schwitzigen Hobby bei Plaste+Elaste nachkommen und, und, und… Erliegt nicht dem Kaufrausch, genießt die Atmosphäre bei einem Tässchen im Kaffee am Meer oder der espressolounge, einem Wein im Milagro oder mit amerikanischen Kaffeespezialitäten im Barcomi‘s. Gegenüber hat der Gyros Män seinen Imbiss, ohne Übertreibung der netteste und beste weit und breit. Vergesst nicht, unterwegs einen Blick in die Seitenstraßen zu werfen, z.B. auf einen Cocktail in die Haifischbar oder alternativ Samstagmorgens zum Bio-Markt auf den Chamissoplatz der wie eine Filmkulisse ruhig da liegt. Wer alles Gesehene und Erlebte Revue passieren lassen will, begebe sich nun alternativlos auf den namensgebenden Kreuzberg, genieße das Panorama und schmiede Pläne für die nächste Tour. Oder doch noch eine Fassbrause im Golgatha, ein Weinchen im Vereinszimmer am unteren Ende des Wasserfalls, die berühmte Westberliner Currywurst im Curry 36 am U Mehringdamm, oder, oder, oder… in Kreuzberg ist es eben nichts alternativlos (wie angeblich so oft in der Politik) – Kreuzberg ist die Alternative.

