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Auszug aus Kapitel 3. Kulturelles
(Auszüge aus Berlin für junge Leute)
Perspektiven und Projekte
von Michael Bienert
Seit 2006 gibt es in Berlin keinen eigenständigen Kultursenator mehr. Das Amt hat seinerzeit der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit mit übernommen und seinem Vertrauten André Schmitz als Staatssekretär für Kultur die laufenden Geschäfte anvertraut. Diese Lösung zahlte sich aus: Bis 2012/2013 ist das jährliche Kulturbudget der Stadt stetig um 36 Millionen auf 360 Millionen Euro gewachsen. Mit André Schmitz, der früher in leitenden Funktionen an der Volksbühne, der Deutschen Oper und der Senatskanzlei tätig war, bekam die Szene zudem einen verständnisvollen Ansprechpartner mit kurzem Draht ins Machtzentrum.
Vorangegangen waren dieser Neujustierung der städtischen Kulturpolitik lange Jahren des Kürzens und Sparens. Dem Ziel, Einnahmen und Ausgaben der Stadt in ein Gleichgewicht zu bringen, waren bis dahin etliche kleinere Kultureinrichtungen geopfert worden, die nicht so sehr im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit standen – betroffen waren nicht zuletzt Kulturzentren für Jugendliche in den Berliner Bezirken und deren Etats für Kiezkultur. Viel mehr Geld ist dort auch in den letzten Jahren nicht angekommen: Deshalb drohte der Bezirk Pankow Anfang 2012 damit, mehrere Kultureinrichtungen zu schließen und eine neue gegründete „Koalition der freie Szene“ protestierte während der Haushaltsberatungen dagegen, dass immer weniger Geld für freie Künstler und innovative Projekte zur Verfügung steht.
Das hohe Ansehen Berlins als Kulturstadt ist nicht zuletzt der Bundesregierung und dem Bundestag zu verdanken. Die Bundespolitiker haben den Berlinern immer wieder aus der Patsche geholfen, indem sie die Finanzierung von Institutionen wie der Akademie der Künste, dem Haus der Kulturen der Welt, dem Jüdischen Museum oder großer Bauvorhaben übernahmen. Die wirtschaftlich schwache Stadt wäre überhaupt nicht in der Lage, so viele Museen, Theater und Festivals zu finanzieren. Mittlerweile gibt der Bund mehr Geld für Kultur in Berlin aus als der Senat, der dafür eigentlich verantwortlich wäre, denn laut Verfassung sind die Bundesländer für Kultur zuständig. Als Hauptstadt ist Berlin aber ein Sonderfall. Sie ist nicht nur für die Berliner da, sondern für die ganze Nation. Im Ausland wird Berlin ohnehin als das Schaufenster von ganz Deutschland gesehen, daher kann keine Bundesregierung ein Interesse daran haben, dass in Berlin renommierte Kultureinrichtungen schließen oder finanziell austrocknen.
Auch deswegen war in der Berliner Kulturlandschaft sehr wenig von Erschütterungen durch die globale Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2008 zu spüren. Bundesregierung und Senat verhielten sich antizyklisch. Sie überbrückten die kritische Phase bis zum folgenden Wirtschaftsaufschwung mit Schuldenmachen und ungeschmälerten Kulturausgaben.
In den ersten Jahren nach dem Mauerfall, als die Kulturlandschaft der zuvor miteinander konkurrierenden Halbstädte Ost- und West-Berlin völlig neu geordnet werden musste, war man nicht zimperlich beim Schließen etablierter Kulturinstitutionen. Das größte Sprechtheater von West-Berlin, das Schiller-Theater, wurde 1993 vom Senat aufgegeben, das Ensemble der Staatlichen Schauspielbühnen aufgelöst, das Haus an private Theaterunternehmer vermietet. Mit dem Schiller-Theater hat der damalige Senat Anfang der 90er Jahre auch die Staatliche Kunsthalle geschlossen, die aktuelle Werke von Bildenden Künstlern in Berlin zeigte. Der Boom der Gegenwartskunst im wiedervereinigten Berlin führte zwar zur Gründung zahlloser privater Galerien, zur Etablierung neuer Kunstmessen und des „berlin biennale“-Festivals. Dennoch fanden wichtige in der Stadt arbeitende Künstler in den letzten Jahren oft keinen angemessenen Ort für größere Ausstellungen ihrer Werke. Der Senat wollte eine Kunsthalle in der Nähe des Hauptbahnhofs von einem privaten Investor bauen lassen, doch kurz nach der Bekanntgabe durchkreuzte die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise diesen Plan. Nun soll eine Kunsthalle aus Landesmitteln gebaut werden, konkrete Planungen dafür gibt es jedoch bisher nicht.
Eigentlich erwartet man die Berliner Gegenwartskunst in der Berlinischen Galerie oder im Hamburger Bahnhof, dem „Museum für Gegenwart“ der Nationalgalerie. Die Berlinische Galerie als Landesmuseum für moderne Großstadtkunst verfügt jedoch nur über begrenzte finanzielle und räumliche Möglichkeiten, und der Hamburger Bahnhof umwarb in den letzten Jahren eher die großen Sammler als die Berliner Künstler. Denn die Sammler schafften die hochkarätige Gegenwartskunst heran, für die kein Ankaufsetat vorhanden ist – folglich bestimmen die Privatsammlungen Marx und Flick das Erscheinungsbild des Hauses. Mit dem seit 2009 amtierenden Nationalgalerie-Direktor Udo Kittelmann weht wieder frischerer Wind durch den Hamburger Bahnhof, ihm ist es durch spektakuläre Ausstellungen – etwa eine Installation von Carsten Höller mit einem Rudel Rentiere in der Vorweihnachtszeit – gelungen, das Haus für die Berliner Szene und für Familien attraktiv zu machen.
Auf dem Schlossplatz sind bereits die Vorbereitungen für den offiziellen Baubeginn des ehrgeizigsten Berliner Kulturprojekts zu besichtigen, das Humboldt-Forum. Das im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigte, 1950 auf Befehl der DDR-Führung gesprengte Stadtschloss soll als moderner Kulturpalast mit barocker Außenfassade wiederauferstehen. Um ihren Haushalt zu entlasten, hat die Bundesregierung den Baustart um drei Jahre auf 2013 verschoben. Seit der Wiedervereinigung ist heftig darüber gestritten worden, was mit diesem Ort geschehen solle. Einigkeit herrscht darüber, dass allein eine kulturelle Nutzung angemessen ist. Schon nach dem Ende des Kaiserreiches, in der Weimarer Republik, wurde die ehemalige Hohenzollernresidenz zum Museum umfunktioniert. Die DDR errichtete mit dem 1976 eingeweihten Palast der Republik eine multifunktionales Kulturzentrum, in dem auch die DDR-Volkskammer tagte, doch vor allem war „Erichs Lampenladen“ ein beliebtes Haus für Konzerte, Show, Kleinkunst, Ausstellungen und Gastronomie. 2008 verschwanden die letzten asbestverseuchten Reste dieses prominenten DDR-Symbols von der Erdoberfläche. Der Bundestag hat beschlossen, die Schlossfassade weitgehend wiederaufzubauen und ein Humboldt-Forum darin einzurichten – an dieser Vorgabe orientiert sich der Entwurf des Italieners Franco Stella, der den Architekturwettbewerb für sich entscheiden konnte.
Der Name Humboldt-Forum erinnert an die weltläufigen Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt, von denen sich der eine stärker zu den Geisteswissenschaften, der andere zur Naturforschung hingezogen fühlte. Im Humboldt-Forum werden die ethnologischen Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (zur Zeit noch in Dahlem ausgestellt) neben den naturwissenschaftlichen Sammlungen der Humboldt-Universität präsentiert, außerdem zieht ein Teil der Zentral- und Landesbibliothek ein. Wilhelm von Humboldt hat den modernen Bildungsbegriff geprägt, das Ideal von Persönlichkeiten, die sich in der Beschäftigung mit Kultur vielseitig entwickeln. Wie die von Humboldt mit begründete erste Berliner Universität, die ebenfalls den Namen der Brüder trägt, soll auch das „Humboldt-Forum“ dafür ein Labor werden. Einen Vorgeschmack gibt die 2010 eröffnete Humboldt-Box, von deren Aussichtplattform man die Baustelle überblicken kann.
Die Idee des Humboldt-Forums ist unumstritten (anders als ihre architektonische Ausformulierung), weil sie sich ganz zwanglos in die Museumsgeschichte Berlins einfügt. Das erste Museum überhaupt war die königliche Wunderkammer im Hohenzollernschloss, die neben Kunstobjekten auch Naturalien und allerlei seltsame Dinge aus der weiten Welt verwahrte. Als Ergänzung und Gegenpol zum Schloss baute Karl Friedrich Schinkel das erste Berliner Museumsgebäude auf der anderen Seite des Lustgartens: das 1830 vollendete Alte Museum. Bald war es zu klein. Bis 1930 füllte sich die Halbinsel hinter Schinkels Kunsttempel mit dem Neuen Museum, der Alten Nationalgalerie, dem Bode- und Pergamonmuseum. Heute zählt die Museumsinsel zum UNESCO-Weltkulturerbe und ist – vor allem wegen des Pergamon-Altars – der stärkste Touristenmagnet der Stadt. Die nach der Wiedervereinigung begonnene Sanierung und Neueinrichtung der einzelnen Häuser soll sich noch bis 2025 hinziehen, mindestens 1,5 Milliarden Euro werden verbaut. 2012 beginnen die Bauarbeiten für ein neues Eingangs- und Erschließungsgebäude am Kupfergraben. Die Planung liegt in den Händen des britische Architekt David Chipperfield, dem beim Wiederaufbau des 2009 fertiggestellten Neuen Museum eine mustergültige Symbiose von Alt und Neu geglückt ist. Stellas „Humboldt-Forum“ wird die Museumsinsel räumlich und inhaltlich erweitern – um die außereuropäischen Kulturzeugnisse und die naturwissenschaftliche Perspektive. Das ehrgeizige Ziel ist eine Art Berliner Louvre mitten in der Stadt, ein Universalmuseum, das die Kulturgeschichte der Menschheit seit der Antike ausbreitet.
Das Schloss war seit dem ausgehenden Mittelalter das Machtzentrum der Stadt, es lag genau in ihrer Mitte, als 1918 der letzte Kaiser abdankte. Dank der Kulturschätze, die preußische Könige und Kaiser angehäuft hatten, entstand jedoch kein Vakuum. In Zukunft soll die kulturelle Ausstrahlung mit dem Ausbau der Museumsinsel und mit dem „Humboldt-Forum“ noch gesteigert werden. Von dort sind es nur ein paar Schritte zur Staatsoper, zum Deutschen Historischen Museum, zur Humboldt-Universität und zur mächtigen Staatsbibliothek Unter den Linden. Die Stadtmitte als Schatzkammer, als Hort des Schönen, als Diskussionsforum und Ort kultureller Bildung: das ist die Zukunftsvision, an der Berlin baut.
Der Autor dieses Beitrags publiziert neben Büchern auch digitale Berlinführer auf www.guidewriters.com/Michael Bienert
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